Michael Schmidt. Lebensmittel

Ohne Titel, # 59, aus: Lebensmittel
Michael Schmidt
Ohne Titel, # 59, aus: Lebensmittel
2006–2010
Fotografie, 54,1 x 81,8 cm
Ohne Titel, # 145, aus: Lebensmittel
Michael Schmidt
Ohne Titel, # 145, aus: Lebensmittel
2006–2010
Fotografie, 54,1 x 81,8 cm
Ohne Titel, # 164, aus: Lebensmittel
Michael Schmidt
Ohne Titel, # 164, aus: Lebensmittel
2006–2010
Fotografie, 54,1 x 81,8 cm
04. März 2012 - 13. Mai 2012

In den Jahren 2006 bis 2010 hat Michael Schmidt den europäischen Kontinent bereist und die Produktion, Verarbeitung, Konfektionierung und Präsentation von Lebensmitteln fotografiert. Nach fĂĽnf Jahren der Planung und Realisierung wird sein monumentaler Essay mit der Präsentation im Museum Morsbroich und der begleitenden Publikation erstmals vorgestellt: 177 Bilder aus dem Alltag der Agrar- und Ernährungswirtschaft, die nicht nur ein bedeutender Wirtschaftszweig ist, sondern indirekt auch das politische und soziale Selbstverständnis der Bevölkerung widerspiegelt. Feldarbeiter, Zuchtbetriebe, Fischfarmen, GroĂźbäckereien, abgepackte Wurstwaren und von der Lebensmittelindustrie zugerichtete Landschaften – es ist ein Zwischenreich, das Schmidt mit seinem schmerzhaft realistischen Blick durchleuchtet. 

So anonym ein GroĂźteil der Lebensmittel in Europa produziert und weiterverarbeitet wird, so unkenntlich sind die Orte, an denen Schmidt fotografiert: Er verzichtet auf lokale Verweise und rĂĽckt stattdessen das Allgemeine in den Vordergrund. Der weitgehende Verlust des lokalen Bezuges macht es fĂĽr den Betrachter unmöglich zu entscheiden, ob sich etwa ein Schlachtbetrieb in Spanien, Frankreich oder England befindet, eine Apfelwaschanlage in Deutschland oder Italien. Die Zustände, die in den Bildern sichtbar werden, vermitteln das bedrohliche GefĂĽhl von Allgegenwart und Nähe. Dabei sind die Motive nicht zudringlich, sondern darauf angelegt, ihre Wirkung mit einer gewissen Verzögerung zu entfalten: klar und modellhaft. 

Michael Schmidt (geboren 1945 in Berlin, lebt in Berlin und Schnackenburg) ist fĂĽr seine umfangreichen Serien berĂĽhmt, an denen er in der Regel drei bis fĂĽnf Jahre kontinuierlich arbeitet. Obwohl sich Schmidt intensiv mit den groĂźen Dokumentaristen der Fotografie wie Walker Evans auseinandergesetzt hat, lässt sich sein Stil nicht festlegen. Gegen das Objektive setzt er den subjektiven Umgang mit dem Objekt, auch dem Menschen als Objekt. Mit seiner immer neuen Herangehensweise an fotografische und gesellschaftliche Fragestellungen nimmt Schmidt eine singuläre Stellung ein, sein innovatives projekthaftes Arbeiten und sein extremes Engagement gelten als Vorbild fĂĽr eine Generation jĂĽngerer Fotografen. 

In den Fotografien von Serien wie „Waffenruhe“ (1985–1987), „EIN-HEIT“ (1991–1994), „Frauen“ (1997–1999) oder „Irgendwo“ (2001–2004) gelang es Schmidt, die unbunte Farbe Grau derart reich zu nuancieren, dass sie als Farbwert wahrgenommen werden kann. FĂĽr das Projekt „Lebensmittel“ sind nun auch einige Aufnahmen entstanden, mit denen Schmidt das Prinzip der fein abgestuften Grauskalen zurĂĽckhaltend in den Bereich der Farbfotografie weiterfĂĽhrt. Die Fotografien belegen im Gegensatz zu manchen älteren Serien des KĂĽnstlers keine Haltung von Wut oder Anklage. Vielmehr ist die Sichtweise Schmidts von äuĂźerster Klarheit und Härte gekennzeichnet. Und doch bleibt bei der Gesamtschau auf das sehr bewusst komponierte Buch und die auf den Ausstellungsort bezogene Präsentation der Serie „Lebensmittel“ ein verstörender Eindruck: „zwei Bilder treten in eine Kombination oder Argumentation, und daraus ergibt sich ein drittes Bild […] so daĂź, wenn du viele Bilder siehst, irgendwann ein anderes Bild in dir entsteht als jenes, das du objektiv wahrnimmst“ (Schmidt). Wiederholungen, Akzentuierungen und Taktungen sowie vielfältige BezĂĽge zwischen den einzelnen Fotografien verwandeln Informationen in widerständige Impulse und entziehen der scheinbar dominanten Sachlichkeit nachhaltig den Boden. 

„Lebensmittel“ wird vom 4. März bis 13. Mai 2012 erstmals im Museum Morsbroich präsentiert. Im Anschluss daran zeigen die Galerie im Taxispalais in Innsbruck (16. Juni – 26. August 2012) und der Martin-Gropius-Bau in Berlin (12. Januar – 1. April 2013) das Projekt. 

Kurator der Ausstellung ist Markus Heinzelmann. 

Gefördert durch die

WWW.kulturstiftung-des-bundes.de

Gefördert durch die

 

Die Eröffnung findet am Sonntag, 4. März 2012, um 12 Uhr im Spiegelsaal von Museum Morsbroich statt. 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Snoeck Verlag (264 Seiten, Format 32 x 30 cm, 174 Abb. in Duoton und Farbe; 59 Euro an der Museumskasse, im Buchhandel mit Schmuckschuber: Subskriptionspreis 97 Euro bis 30. März 2012, danach 128 Euro). 

Abbildung Homepage:
Michael Schmidt
Ohne Titel, # 22, aus: Lebensmittel
2006–2010
Fotografie, 54,1 x 81,8 cm

 

 

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